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Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?
Fritzi Massary und die Männer

alle Fotos: Jörn Hartmann





Sie war die letzte große Operettendiva Berlins.
Keine konnte wie Fritzi Massary eine Schamlosigkeit mit solchem Charme aussprechen. Die ‚Königin der Zweideutigkeit' servierte das Ordinäre als Delikatesse und drapierte ihre Gemeinheiten mit der leichten Feinheit eines ‚Tra-la-la-la-la'. Mit ‚einer frechen Bewegung, einem Schimmer Erregung' stachelte sie die lasterhafte Phantasie ihrer Zuschauer an. Zusammen mit ihrem Mann, dem genialen Schauspieler Max Pallenberg, waren sie das unumstrittene Herrscherpaar der Berliner Theaterszene. Mit über 20 bekannten ihrer Schlagern und Couplets lässt die musikalische Revue ‚Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?' den Geist dieser Berliner Legende wieder auferstehen.
mit:
Agnes Hilpert, Nini Stadlmann,
Boris Freitag, Franz Frickel, Stefan Dick

Buch/Regie:
James Edward Lyons

Musikalische Leitung: 
Ferdinand von Seebach

Bühne:
Norman Zechowski Kostüme: Gaby Sogl Choreografie: Nini Stadlmann
Maske: Martin Rink
Premiere: 27. August 2010 Kleines Theater, Berlin





Berliner Morgenpost, 30.08.2010
Das Kleine Theater huldigt der großen Fritzi Massary

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Fritzi Massary, die ungekrönte Königin der Operette, permanent von ihrem Gatten Max betrogen wird?
Auch auf der Bahnfahrt von Wien nach Berlin baggert er, was das Zeug hält, und umschwirrt die Nachwuchs-Soubrette Hannah Kiesewetter mit dem albernen "Bachstelzchen Lied". Derweil lässt der Kritiker Oscar Philadelphius nichts unversucht, um ein Interview bei der Diva zu ergattern. Er fällt sogar vor ihr auf die Knie und gesteht ihr seine Liebe. Einzig die Massary, der man jede Schlüpfrigkeit zugetraut hätte, behält die Contenance.
Regisseur James Edward Lyons hat der legendären Massary (1882 - 1969) im Kleinen Theater ein Denkmal gesetzt. Mit seiner Revue "Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?" erweist er sich nach "Johnny Cash - The Beast in Me" einmal mehr als Spezialist musikalischer Bühnenbiographien. Temporeich, mit viel Dialogwitz und Situationskomik bietet die Produktion beste Unter-haltung. Es stimmt einfach alles: Die tollen Kostüme und die trickreiche Bühne versprühen wie das spritzige Best-Of der bekanntesten Massary-Songs unter der musikalischen Leitung von Ferdinand von Seebach Zeitgeist pur. Richtig ins Schwärmen gerät man allerdings bei den Darstellern. Unnachahmlich, wie Boris Freytag seinen Max gockeln lässt. Auch Franz Frickels Oscar schmachtet seine Angebetete hochkomisch an. Befreit vom Korsettzwang der früheren Jahre, erweisen sich die Damen als starkes Geschlecht: Agnes Hilpert nuanciertes Spiel verleiht ihrer Fritzi Massary mit der Mischung aus augenzwinkernden Zweideutigkeiten und der undurchdring-lichen Einsamkeit eines Stars charismatische Grandezza. Nini Stadlmanns kecke Hannah Kiesewetter wandelt sich zum Karriere-Girlie. Es stimmt äußerst vergnüglich, diesen eigenwilligen Köpfen beim Singen, Tanzen, Lieben und Intrigieren zuzuschauen. Diese li(e)derliche Seitensprung-Revue muss man einfach gesehen haben.
Ulrike Borowski


 






Tagesspiegel, 29.08.2010
Kess: Das Theater am Südwestkorso erinnert an Fritzi Massary

Wenn heute tatsächlich noch irgendwo eine Operette auf den Spielplan gesetzt wird, sieht sie mit hoher Wahrscheinlichkeit so aus wie Offenbachs "La Périchole" an der Komischen Oper in der Regie von Nicolas Stemann: moralinsauer und spaßfrei. Dass ein Abend aber durchaus gelingen kann, wenn man Stil und Ästhetik der Operette ernst nimmt, zeigt jetzt das Kleine Theater am Südwestkorso. Mit "Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?" (Regie: James Edward Lyons) erinnert es an Fritzi Massary und die große Zeit der Berliner Operette der zwanziger Jahre. Die fiktive Geschichte, in der die Massary im Zug von Wien nach Berlin reist, ist geschickt um Originallieder aus zeitgenössischen Operetten herumgestrickt (am Klavier: Ferdinand von Seebach). Agnes Hilpert in der Hauptrolle besitzt markante Marlene-Dietrich-Züge und die Haltung und Würde einer Diva, bleibt allerdings im Spiel eher zurückhaltend. Ganz anders Boris Freytag als Ehemann Max Pallenberg. Er ist eine dauererregte, schwitzende Rampensau mit unglaublichem Grimassen-Repertoire, aber gefährlichem Hang zu Übertreibung und Karikatur. Überzeugen können vor allem Nini Stadlmann, die, obwohl sie eine erfolglose junge Sängerin spielt, eindeutig die beste Gesangsstimme mitbringt, und Franz Frickel, der feinnervig einen Journalisten und Massary-Bewunderer verkörpert. Obwohl der Abend mehrmals hart am Klamauk vorbeischrammt, macht er doch ein Stück Berliner Theatergeschichte auf charmante Weise wieder lebendig.
Udo Badelt