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Berliner Morgenpost,
30.08.2010
Das Kleine Theater huldigt der großen Fritzi Massary
Wer hätte
gedacht, dass ausgerechnet Fritzi Massary, die ungekrönte Königin
der Operette, permanent von ihrem Gatten Max betrogen wird?
Auch auf der Bahnfahrt von Wien nach Berlin baggert er, was das Zeug
hält, und umschwirrt die Nachwuchs-Soubrette Hannah Kiesewetter mit
dem albernen "Bachstelzchen Lied". Derweil lässt der Kritiker Oscar
Philadelphius nichts unversucht, um ein Interview bei der Diva zu
ergattern. Er fällt sogar vor ihr auf die Knie und gesteht ihr seine
Liebe. Einzig die Massary, der man jede Schlüpfrigkeit zugetraut hätte,
behält die Contenance.
Regisseur James Edward Lyons hat der legendären Massary (1882 - 1969)
im Kleinen Theater ein Denkmal gesetzt. Mit seiner Revue "Warum soll
eine Frau kein Verhältnis haben?" erweist er sich nach "Johnny Cash
- The Beast in Me" einmal mehr als Spezialist musikalischer Bühnenbiographien.
Temporeich, mit viel Dialogwitz und Situationskomik bietet die Produktion
beste Unter-haltung. Es stimmt einfach alles: Die tollen Kostüme und
die trickreiche Bühne versprühen wie das spritzige Best-Of der bekanntesten
Massary-Songs unter der musikalischen Leitung von Ferdinand von Seebach
Zeitgeist pur. Richtig ins Schwärmen gerät man allerdings bei den
Darstellern. Unnachahmlich, wie Boris Freytag seinen Max gockeln lässt.
Auch Franz Frickels Oscar schmachtet seine Angebetete hochkomisch
an. Befreit vom Korsettzwang der früheren Jahre, erweisen sich die
Damen als starkes Geschlecht: Agnes Hilpert nuanciertes Spiel verleiht
ihrer Fritzi Massary mit der Mischung aus augenzwinkernden Zweideutigkeiten
und der undurchdring-lichen Einsamkeit eines Stars charismatische
Grandezza. Nini Stadlmanns kecke Hannah Kiesewetter wandelt sich zum
Karriere-Girlie. Es stimmt äußerst vergnüglich, diesen eigenwilligen
Köpfen beim Singen, Tanzen, Lieben und Intrigieren zuzuschauen. Diese
li(e)derliche Seitensprung-Revue muss man einfach gesehen haben.
Ulrike Borowski
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Tagesspiegel,
29.08.2010
Kess: Das Theater am Südwestkorso erinnert an Fritzi Massary
Wenn heute tatsächlich noch irgendwo eine Operette
auf den Spielplan gesetzt wird, sieht sie mit hoher Wahrscheinlichkeit
so aus wie Offenbachs "La Périchole" an der Komischen Oper in der
Regie von Nicolas Stemann: moralinsauer und spaßfrei. Dass ein Abend
aber durchaus gelingen kann, wenn man Stil und Ästhetik der Operette
ernst nimmt, zeigt jetzt das Kleine Theater am Südwestkorso. Mit "Warum
soll eine Frau kein Verhältnis haben?" (Regie: James Edward Lyons)
erinnert es an Fritzi Massary und die große Zeit der Berliner Operette
der zwanziger Jahre. Die fiktive Geschichte, in der die Massary im
Zug von Wien nach Berlin reist, ist geschickt um Originallieder aus
zeitgenössischen Operetten herumgestrickt (am Klavier: Ferdinand von
Seebach). Agnes Hilpert in der Hauptrolle besitzt markante Marlene-Dietrich-Züge
und die Haltung und Würde einer Diva, bleibt allerdings im Spiel eher
zurückhaltend. Ganz anders Boris Freytag als Ehemann Max Pallenberg.
Er ist eine dauererregte, schwitzende Rampensau mit unglaublichem
Grimassen-Repertoire, aber gefährlichem Hang zu Übertreibung und Karikatur.
Überzeugen können vor allem Nini Stadlmann, die, obwohl sie eine erfolglose
junge Sängerin spielt, eindeutig die beste Gesangsstimme mitbringt,
und Franz Frickel, der feinnervig einen Journalisten und Massary-Bewunderer
verkörpert. Obwohl der Abend mehrmals hart am Klamauk vorbeischrammt,
macht er doch ein Stück Berliner Theatergeschichte auf charmante Weise
wieder lebendig.
Udo Badelt
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